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Ärztin lädt zu neureligiöser Gruppierung ein …

21/01/2011

titelt die Medical Tribune am 13.01.2011 und beschreibt in diesem Artikel, wie eine sich anbahnende Beziehung zwischen zwei Psychotherapeuten am Missionierungsversuch eines Partners für eine neureligiöse Gemeinschaft scheitert. Bis dahin nicht ungewöhnlich und kaum erwähnenswert.

Interessant ist aber die in diesem Zusammenhang aufgeworfene Frage, ob hier Gefahren für Patienten und Ärzte lauern und noch interessanter sind die in diesem Artikel gegebenen Antworten.

Herr Werner Groß, Mitglied der Enquetekommission des Bundestages, beschäftigt sich seit 30 Jahren mit diesem Thema. Mehr als drei bis vier Fälle stark religiös orentierter Kandidaten im Bereich der Psychotherpeutenausbildung, so Herr Groß, seien ihm nicht begegnet. Für uns schwer nachvollziehbar. Wir beschäftigen uns seit 5 Jahren mit diesem Thema und uns sind  in dieser Zeit allein 4 Fälle  im Zusammenhang mit der Bhagwan-Rajneesh-Bewegung (Osho) in Sachsen, Thüringen und Sachen-Anhalt bekannt geworden. Fälle, in den praktizierende Ärzte mit Kassenzulassung vor allem junge Menschen mit Methoden der mentalen Programmierung langfristig an neureligiöse Gemeinschaften gebunden haben. Ergebnis: die Patienten haben ihre Lebensplanung radikal geändert und dem Gedankengut ihres „Meisters“ untergeordnet, sind selbst zu Missionaren geworden. Die Ärzte arbeiten weiter als Allgemeinmediziner und Psychotherapeuten in eigener Praxis und dürften kurzfristig ihr Glaubensbekenntnis kaum geändert haben.

Der Pressesprecherin der Bayerischen Landesärztekammer ist es nach eigenen Worten noch nicht untergekommen, dass ein Arzt für eine religiöse Gruppe Mitglieder anwirbt. Hier drängt sich die Frage auf, ob es sich im Falle von Frau Dagmar Nedbal um gewollte und ungewollte Blauäugigkeit handelt.

Experte Gross trifft zurecht die Aussage, dass überzogene Befürchtungen fehl am Platze sind. Es grenzt aber zumindest an sträflichen Leichtsinn, die Augen davor zu verschliessen, dass gerade  Heilberufe ein Tummelplatz bestimmter eoterischer, besonders neureligiöser, Strömungen sind.

Religionsfreiheit ist ein hohes, verfassungsrechtlich garantiertes Gut, das allen zusteht. Die religiöse Bindung eines Arztes, Psychotherapeuten usw. spielt absolut keine Rolle, solange allein die ärztlich-fachliche Qualifikation  die ausschlaggebende Grundlage seines beruflichen Handelns ist.

Aber wenn dem nicht so ist?

Die Aussage eines Arztes in Sachsen, dass  seine  Meisterin die (Zitat !!!) „…  kompetenteste Stelle (ist), viel besser als alle Ärzte, Psychiater, Psychologen oder sonstigen Heilkundigen, die ich in meinen Studien- und Berufsjahren kennengelernt habe“, sollte eigentlich zum Nachdenken anregen. Fehlanzeige ! Der Arzt hat sich inzwischen mit Kassenzulassung in eigener Praxis niedergelassen, der Patient hat „Sannyas“ genommen, die „Weihe Oshos“ erhalten, und strebt vergeblich die versprochene Erleuchtung an. Sicher ein nicht alltäglicher Fall, aber auch kein Einzelfall – die nicht zu unterschätzenden Gefahren der Vermischung von Therapie, Religion und Machtanspruch treten hier nur besonders deutlich hervor. Zwischen derartigen Fällen und korrektem ärztlichen Handeln wabert eine schwer zu bestimmende Grauzone, deren Dimension – das zeigt auch der Artikel der Medical Tribune – nur ungern wahrgenommen wird.

Der Arzt als Opfer?

Ärzte, die ihr berufliches Handeln ihren religiösen/spirituellen Neigungen unterordnen, allein als „Opfer“ zu sehen, hat einen zynischen Beigeschmack. Für die wirklichen Opfer kommt in der Regel jede Hilfe zu spät und nicht selten haben deren Biographien eines gemeinsam – ein tragisches Schlußkapitel.

Wer sollte Handeln?

Vermutlich zunächst die Ärztekammer als zuständige standesrechtliche Vereinigung. Das wird sie aber nur dann tun, wenn das  Problem an sie herangetragen, eine Anzeige erstattet wird. Eigeninitiative Fehlanzeige, selbst wenn man den Sachverhalt kennt. Dann wird auch erstmal der Patient abgeklopft, ob er mit der Behandlung einverstanden war oder nicht. Das Selbstbestimmungsrecht des Patienten – was ist das eigentlich?  Vor allem wenn der Patient die Hilfe eines Psychotherapeuten in Anspruch nehmen muss? Es kann wohl kaum beinhalten, dass der Patient in der Lage ist, die fachliche Kompetenz seines Therapeuten und die Folgen dessen Handelns einzuschätzen. Dann wäre der Therapeut überflüssig. Der Patient  sucht  Hilfe und wird in der Regel einverstanden sein und irgendwann seinem Therapeuten auch vertrauen. Spätestens an dieser Stelle gerät der Therapeut in die Verantwortung, der Patient in die Abhängigkeit – soviel zu Tätern und Opfern. Ist dieser Punkt erreicht, dann wird es wohl kaum noch eine Patientenbeschwerde bei der Ärztekammer geben. Das würde auch die Antwort von Frau Nedbal erklären.

Zurück zum Ausgangspunkt. Sowohl Patient als auch Arzt sind vor Gefahren nicht gefeit. Beide sind in dem geschilderten Falle mehr oder weniger sich selbst überlassen.

Der wirklich Leid tragende ist in jedem Falle der Patient. Er sollte eigenverantwortlich handeln bevor er Behandlungsbedarf hat und ein Behandler ihm plötzlich erklärt, dass er für alles selbst die Verantwortung trage.

(wr/dvpj)

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