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Der verständliche Frust des Dr. Viktor Lau

31/07/2015

Der Einfluss der Esoterik im Alltag ist ungebremst. Wirtschaftsunternehmen sind davon ebenso betroffen wie Bildungseinrichtungen  und das Gesundheitswesen. Gemeinhin wird angenommen, dass Wirtschaftsunternehmen grundsätzlich rational auf der Grundlage von Fakten und betriebswirtschaflichen  Spielregeln geführt werden.  Dem ist leider nicht immer so. Besonders Personalvorstände greifen auf der Suche nach Optimierungspotiential in der Personalentwicklung bei der Themen- und Methodenwahl  nicht selten daneben.   Auch Frauenbeauftragte und Lehrbauftragte an Universitäten sowie Manager im Gesundheitswesen sind davor nicht gefeit.  Die Persönlichkeit verändernde dubiose  Angebote gehören inzwischen zum Alltag der Managerschulung.

Die selbst ernannten Trainer- und Coach-Gurus des Psycho- und Heilermarktes  freut es.  „Sie versprechen den Durchbruch zum Erfolg, mehr Energie und Lebensfreude. Sie locken mit der Überwindung eigener Blockaden und der Freisetzung ungeahnter Leistungspotentiale“ schrieb Bärbel Schwertfeger in ‚Der Griff nach der Psyche‘ im Jahre 1997.  Empowerment war vor fast zwanzig Jahren und ist auch heute noch eines der Schlagworte. Die Angst um den Job, der ständige Leistungsdruck und der gewünschte schnellere Aufstieg auf der Karriereleiter machen viele empfänglich für dubiose Persönlichkeitsseminare – damals wie heute.

Die Persönlichkeit eines Menschen ist ein sorgfältig austarriertes System von Denk-, Verhaltens- und Erlebensweisen. Wird das Zusammenspiel dieser Komponenten nachhaltig gestört, kann man gezielt die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen verändern.

Das kann  dann gewollt und vorteilhaft sein, wenn ausgebildete und verantwortungsvoll agierende Therapeuten gemeinsam mit dem Betroffenen nach Auswegen aus misslichen Lebenslagen suchen.

Es kann aber auch gewollt und zum Nachteil des Betroffenen sein. In der Regel dann,  wenn Anbieter mit eigenen Zielen  und oft  ohne fundierte psychologische Ausbildung die Psyche des Betroffenen malträtieren. Derart dubiose Psychoanbieter zielen meistens darauf ab, das Selbstkonzept einer Person zu destabilisieren, deren Lebensgeschichte neu zu interpretieren und sie dazu zu bewegen, eine neue Sicht der Wirklichkeit zu akzeptieren. Hier stehen nicht freiwillig gewählte,  sondern erzwungene Veränderung zur Anpassung an eine bestimmte Situation im Vordergrund.

Viele umstrittene Anbieter gehören inzwischen zur dritten oder vierten Generation der Psychokulte. Sie haben Kurse dieser Szene besucht und  sind selbst begeistert von der Wirksamkeit der dort eingesetzten Methoden. Sie haben erlebt, dass sich Gruppen schnell lenken und euphorisieren lassen. Die in verschiedenen Seminaren erlernten Techniken werden munter gemischt,   mit etwas Psychologie garniert und für das eigene Geschäft als Coach,  Trainer oder Therapeut genutzt. Wichtiger noch als Inhalte sind Ausgestaltung und Durchführug der Seminare. Die Teilnehmer sollen schliesslich  im Sinne des Anbieters oder Auftraggebers neu motiviert  und orientiert werden.  Ein Dressurakt als gezielter  Angriff auf die Persönlichkeit der Seminarteilnehmer.

Der Markt ist  zudem leider um einige Aspekte reicher geworden. Zunehmend drängen Heilpraktiker für Psychotherapie auf den diesen lukrativen Markt. Die Qualifikationsanforderungen sind niedrig und mit einer akademischen Ausbildung der Psychologischen Psychotherapeuten in keiner Weise vergleichbar. Zudem ist der Heilpraktiker  in der Wahl der Methoden frei. Eine von Heilpraktikern angewandte Therapiemethode muss nicht wissenschaftlich anerkannt sein. Esoterische und parawissenschaftliche Ausbildungen gehören zum Standard der meisten Heilpraktikerschulen.

Die esoterischen Coaching- und Heilerangebote kommen in immer neuem  Gewandte daher, sind nicht mehr so marktschreierisch wie in den 90-er Jahren. Die Inhalte sind geblieben. Es ist teilweise nur schwieriger geworden, die dubiosen Angebote in eleganterer Verkleidung als solche zu erkennen.

Ein Esoteriker würde wohl kaum sein liebevoll gepflegtes Auto vor dem TÜV von  einem  Hobbyschrauber mit vielleicht  zwei linken Händen überprüfen lassen. Um so unverständlicher und frustrierender  ist es deshalb, dass  Zeitgenossen sich freiwillig oder um ihrer Karriere willen Hobbyschraubern an der Psyche anvertrauen.

-> Mit der Soziologie der Managementesoterik hat sich Dr. Viktor Lau beschäftigt.

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